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GEBURTSTAG

Meine Kinder wissen, - mit meinem Geburtstag bin ich heikel. Andere Menschen ignorieren die Tatsache, daß sie wieder ein Jahr älter geworden sind, ich aber zelebriere diesen Vorgang ausgiebig mit meinen Freunden. Je älter ich werde, desto lieber und ausgiebiger feiere ich, und mein Geburtstag ist kein Tag mehr, sondern eine Festivalwoche, bis ich alle freiwilligen Feierwilligen durchhabe.

Natürlich gibt´s auch ein Familienfest. Die Omi köchelt zu diesem Zweck einen halben Tag lang und erwartet, daß abends die Truppe vollständig antritt.

Irgendwie passiert es dieses Jahr, daß mir mein Sohn eine Stunde vor Festbeginn „durch die Lappen geht“.

Angeblich,  so der Rest der Sippe, soll er das Chaotische, Spontane von mir haben. Daran liegt´s wohl, daß ich vergessen habe,  ihn rechtzeitig auf das Abendprogramm einzustimmen.

Als ich die Tür ins Schloß fallen höre, nachdem das gute Kind sich ausnahmsweise den ganzen Nachmittag mit schulischem „Kram“ beschäftigt hat, denke ich mir nicht viel.

Höchstens, - er will wahrscheinlich eins der vielen „fliegenden“ Blätter, (die bei ihm tatsächlich immer Flügel kriegen, und die er sich deshalb vor lebenswichtigen Prüfungen von einem ordentlicheren Kollegen ausborgen muß), zurückbringen.

Er ist weg. Weg, wie das berühmte „Würstel vom Kraut“, und ich schäume.
Weiß ich doch, daß alle, insbesondere die Omi, befremdet bis empört sein werden.
Familienessen sind heilig, zwar von einer schrillen, Fellini-artigen Heiligkeit, aber heilig. Also telefoniere ich.

An der Strippe sind verschiedene „Kontaktpunkte“ meines Sohnes, die er nach nervigen Lerneinheiten zwecks Entspannung aufzusuchen pflegt.

Der erste Punkt ist eine Pleite.
Der zweite ebenfalls.
Der dritte ist der erfolgversprechendste. Dort hausen drei Jungs und eine kleine Schwester. Neben den vielen Freunden, die dort ihren Stammtreff und ihr Party-Areal haben, scheinen auch Eltern zu existieren, aber angenehm dezent im Hintergrund.

Als ich dort anrufe, hebt die kleine Schwester ab. Ich verlange, einen der größeren Brüder zu sprechen. Dieses Anliegen brüllt die Kleine offensichtlich über eine Stiege hinauf ins Obergeschoß.

Vor meinem inneren Auge ersteht in kompletten Bildern die häusliche Situation, denn oben scheint sich ein streitähnliches Gefecht von Zimmer zu Zimmer zu entspinnen, wer denn nun kompetent sei, das „unnötige“ Gespräch entgegenzunehmen.

Offensichtlich will keiner mit mir reden.
Aber die Kleine hält mich bei Laune :“Es wird schon einer kommen!“ Geborene Optimistin. Irgendwie hab ich das Gefühl, Schlurfgeräusche auf der Treppe zu vernehmen, ja, tatsächlich, da nähert sich wer!
Der Unterlegene in dem Gefecht bemüht sich mit Sicherheit widerwillig an den Apparat.

„Jaaa? - Nein, der ist nicht da.“ Punkt. Diese erschöpfende Auskunft hätte mir die kleine Schwester auch erteilen können. Aber ich trage  freundlich und unbeirrar durch eine Welle von Abwehr hindurch mein Anliegen vor: Geburtstagsessen, - Sohn, bzw. Freund unabdingbar benötigt, - falls noch auftaucht, - sofort „Kehrt euch“, - Marsch Richtung Oma.

Ich weiß nicht, was nach dem Auflegen des Hörers auf der anderen Seite geknurrt wird, aber ich kann mir´s vorstellen. Sicher hab ich mit dem absolut „ätzenden“ Gespür der Mütter gerade eine heilige Heavy-metal-Handlung unterbrochen, oder, was noch schlimmer ist, den einzigen, mühsam gefaßten Gedanken verscheucht, der einem zu einer überflüssigen Hausübung eingefallen wäre.

Ich weiß.
Trotzdem kann ich´s nicht lassen, vor unserem Abmarsch Richtung Geburtstagsessen noch einmal dort anzurufen.
Es ist wieder mein armes Opfer dran. Ich erkenne es an der schleppenden, gequälten Stimme.

Nein, er ist immer noch nicht da. Ja, er wird es ihm sagen.

Natürlich. Drüben, säuerliche Miene von seiten der Omi, Befremden vom Rest.
Aber ich bin schließlich das Geburtstagskind, und keiner traut sich ernstlich was zu sagen.

Wir sind schon beim Nachtisch. Der gute Knabe wird wohl gleich mit hängender Zunge und schuldbewußter Miene auftauchen. Ein Plakat klebt an unserer Wohnungstür zu Haus, mit meinem berüchtigten zeichnerischen Kürzel, dem Totenkopf, der mit seinem Grinsen der Familie selten Gutes verheißt.

Das soll ihn umgehend in die großmütterlichen Gefilde umlenken. Ich seh ihn förmlich vor mir, wie er vor der plakatierten Tür steht, sich mit der flachen Hand aufs Hirn haut und auf dem Absatz kehrtmacht.

Aber es hetzt keiner heran und es läutet auch keiner Sturm.
Alles hat resigniert, der Sohn, Enkel, Neffe, Bruder wird uns heute nicht mehr die Ehre erweisen. Keiner merkt, daß sich in meinem Innern ein Gewitter zusammenbraut.

Als wir um halb elf zu Haus sind, ist er immer noch nicht da. Und das wochentags! Was glaubt der Bengel? Meine Wut hat wahrlich fast nichts mit meinem Geburtstag zu tun.

Um elf  knallen rücksichtsvolle Steinchen an mein Fenster, um das Schwesterlein nicht durch Geklingel zu wecken. Schleimer! Der kann was erleben! (Ich bin verdutzt, einen solch antiquierten und pädagogisch verwerflichen Satz zu denken...)

Sein Vater lauert ihm schon an der Eingangstür auf und will ihm eine Standpredigt halten.
Aber ich will heute Blut sehen. „Überlaß ihn mir“ , sag ich gefährlich leise, gepreßt und beherrscht.
Also bringt er den Delinquenten zum Richtblock, direkt vor den Scharfrichter, nicht ohne Vergnügen, will mir scheinen, ja, er schwärzt ihn auch noch an: “In der Stadt war er, mit einem Freund, Geburtstag feiern!“

„Ja ehrlich!“ Und ich erfahre, daß der jüngste der drei unseligen Brüder, deren kleine Schwester ausgebildete Telefonistin ist, auch Geburtstag hat. Nein so ein Zufall! Wie rührend, und meinen Geburtstag vergißt du einfach, Bürscherl?
„Aber hast du nicht erst, Mama?“ stammelt der unselige Riesenmensch und wirkt plötzlich etwas kleiner.

Ich schleudere ihm eiskalt entgegen, um meinen Geburtstag gehe es hier wahrlich nicht.
Aber: Er sei wieder einmal ohne ein Sterbenswörtchen verschwunden, trotz anderslautender elterlicher Weisung. Die Omi hätte ein sagenhaftes Menü gekocht, im Quantum auf seinen Riesenmagen abgestimmt. (Ich bin gemein genug, ihm die Speisefolge zu schildern und sehe, wie er zu schlucken beginnt.) Und außerdem, außerdem sei heut ein Wochentag. Seine schulischen Glanzleistungen ließen an Wochentagen wohl kaum ein Nachhausekommen um lockere elf zu.

Er versucht sich beachtlich zahm zu wehren, bei seinen Freunden hätte ihm keiner was ausgerichtet, als er dort war. Ehrlich nicht.

Da meint der Vater, so bescheuert könnten seine Freunde doch gar nicht sein, ihm nicht zu sagen, daß seine Mutter unter dem Motto „dringend“ zweimal angerufen hätte.

Er versucht, das mit zeitweisen Absenzen des einen der Brüder zu entschuldigen, aber ich bin diesmal stahlhart und schreite zur Urteilsverkündung.

„Du bleibst die nächsten 14 Tage zu Haus, und zwar nicht, wie du vielleicht meinst, als Strafe, sondern als Gelegenheit, dir durch konsequentes Lernen deine diversen Mahnungen auszubessern.“

Schicksal als Chance! Fieser geht´s nicht, Mutter. Es ist die einzigartige Möglichkeit, diesen Vagabunden ganz legal einzulochen, damit er für seine Prüfungen lernt. Dieses Glück!

Anderntags zu Mittag kehrt er von der Schule heim. Unser Umgang ist etwas unterkühlt. Später drückt er sich zu einem Vier-Augengespräch bei der Küche herein. “Nur daß du´s weißt, Mama, alle waren sauer auf IHN, alle. Weil er mir nichts ausgerichtet hat und ich jetzt zwei Wochen Hausarrest hängen habe...“ ( Er meint selbstverständlich - unschuldig, wie in „Fremde Ketten“.)  Auch das rührt mein Herz aus Stein nicht.

Eins hätte es allerdings rühren können, - das Telefonat am Nachmittag, das mein Mann in meiner Abwesenheit entgegennimmt.

Auf der anderen Seite ist jener unwillige Telefonierer, mit dem ich zweimal das Vergnügen gehabt habe, und der meine Anrufe unter „mütterliche Belästigung“ verbucht und in einer Sackgasse seines Gehirns abgelegt hat.

Er entschuldigt sich für seine Fehlleistung. Mein Mann sagt ihm wenig Freundliches.

Das tut mir nachträglich etwas weh. Denn es ist ihm sicher nicht leicht gefallen, unter dem Druck der Gruppe irgendwelche „öden Alten“ anzurufen, um einen Fehler einzugestehen und seinem gefangengesetzten Kumpel zu helfen.

Ich denke mir meinen Helden an der gleichen Stelle. Eine durchaus realistische Vorstellung, denn auch er ist oft ähnlich ferngesteuert.

Aber keine Sentimentalitäten.

Die vierzehn Tage steh ich durch, so eine Okkasion kommt so schnell nicht wieder.

Der Kater teilt den Arrest treu mit seinem Herrn und liegt schnurrend oder seufzend auf dem angenehmen Durcheinander von Heften unter der kosig warmen Schreibtischlampe.

Ich weiß nicht, ob sie die Klausur nicht sogar genießen.

 

 

© HEIDI INFFELD