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HAUTE COUTURE

Meine Tochter ist zu spät auf die Welt gekommen. Im vergangenen Jahrhundert hätte sie noch die Chance gehabt, sich als vermögendes Fräulein einen Stab von Bediensteten zu halten, der ihr jegliche unstandesgemäße Tätigkeit, d.h., alles außer Klavierspielen und Charmantsein, abgenommen hätte.
Kurzum, sie zählt nicht eben zu den Emsigen.

Plötzlich aber entwickelt die junge Frau ungeahnten Ehrgeiz.
„Ich fahr zur Oma und näh mir ein Kleid!“, heißt es zwischen Tür und Angel, und weg ist sie, radstrampelnd.

Am Abend wird sie gelangweilt und frustriert wieder erscheinen, denk ich mir. Sie wird mir Vorwürfe machen, daß sie gezwungen sei, ihren schlanken Leib mit mickrigem, verhautem Selbstgenähten zu umhüllen, wohingegen alle anderen in den heimischen In-Geschäften, in Udine oder London einkaufen.
Weit gefehlt!

Am Abend kehrt sie wieder mit befriedigtem Gesichtsausdruck und verschwindet sofort in ihrem Zimmer. Gleich darauf ist Modenschau: Wir sind platt!

Sie hat sich tatsächlich ohne großmütterliche Hilfe ein süßes Minikleid genäht.
Den Tathergang schildert die Omi anderntags wie folgt: Die Enkelin kreuzt auf, hält sich nicht mit umständlichen Begrüßungsformalitäten und Erklärungen auf und verlangt kategorisch, die „Fleckkiste“ zu sehen.

Die Fleckkiste ist ein innerfamiliärer Begriff. In ihr lungern jahrelang im  Überschwang des Ausverkaufs erstandene Stoffe herum, die eigentlich keiner will, und dazu die Reste von bereits vernähtem Material.
Mit großer Zielstrebigkeit fischt sie ein Stück Stoff heraus, bunte Röschen auf schwarzem Grund. Sodann wird der begehbare Wandschrank inspiziert, denn man sucht ein passendes Oberteil, mit dem sich der Röschenstoff ideal verbinde.

Genausoschnell wird man fündig. „Brauchst das noch?“ lautet die rein rhetorische Frage an die Oma und die Enkelin hält eine antike Dirndlbluse in den Klauen, nicht gewillt, diese jemals wieder auszulassen.
Der Wohnzimmertisch wird leergefegt, der Stoff und dann die Bluse aufgelegt.
Man mißt seine schmale Hüfte ab und überträgt das Maß auf die Stoffbahn. Man tritt vor den Spiegel und studiert jungfrauenhaft kritisch jede Kurve der Körperkontur. Daraufhin wird die Zuschneideschere, ein gewichtiges Instrument, gehalftert, und ratsch, ratsch gleitet sie durch den Stoff. Die Omi beruhigt sich mit dem Gedanken, es sei noch genug da von dem billigen Stoff, wenn der erste Versuch fehlschlägt.

Aber da schlägt nichts fehl. Das kritische Auge hat genau richtig geschaut und als die Nähmaschine fertiggerattert hat und das Stück Stoff goldrichtig am Oberteil klebt, bleibt der Omi der Mund offen. Das Kleid paßt! Und wie angegossen auch noch.

Wozu sich mit altmodischen Schnittmustern herumplagen, wenn man eine begnadete Zuschneidehand hat?

 

 

© HEIDI INFFELD